Pfarrer Thomas Kuhl
Pfarrer Thomas Kuhl

Pastor Thomas Kuhl ist der neue Leitende Pfarrer auch in Stommeln, Sinnersdorf und Stommelerbusch.

Pfarreien fusionieren. So will es das Erzbistum Köln, um Kosten zu senken und den Priestermangel zu organisieren. Ab Mitte Juni ist Thomas Kuhl, seit über sechs Jahren leitender Pfarrer der Pulheimer Pfarrei St. Kosmas und Damian, mitverantwortlich für den Pfarrverband Am Stommelerbusch. Ein Gespräch über Chancen und Probleme des Zusammenrückens.

Herr Pastor Kuhl, Pulheim fusioniert mit der Pfarreiengemeinschaft Am Stommelerbusch, zu der Stommeln, Sinnersdorf und Stommelerbusch gehören. Ein sogenannter Sendungsraum entsteht. Was ändert sich?

Wir belassen es erst einmal bei der alten Struktur. Wir müssen glücklicherweise keine Kirchenhäuser schließen, wir können befreit loslegen. Ich werde aber demnächst einen geschäftsführenden Vorsitzenden für den Kirchenvorstand in St. Kosmas und Damian bestimmen, der mir etwas Luft verschafft, und es wird ein übergeordnetes Gremium für den gesamten Bereich geben, in dem wir uns austauschen und absprechen können. Erste Überlegungen dazu hat es schon mit Vertretern beider Pfarrgemeinderäte gegeben.

Welchen Eindruck haben Sie von der Bereitschaft zur Zusammenarbeit?

Einen sehr guten, auch wenn es zu Corona-Zeiten schwerfällt, sich persönlich kennenzulernen. Wir wollen ja alle gern wissen, mit wem wir es künftig zu tun haben. Ich habe auch schon hier und da selbst eine Messe in den drei Orten des Pfarrverbands gehalten.

Die Gläubigen fragen sich: Bleibt die Kirche im Dorf? Werden wir unsere Messen und Ansprechpartner behalten?

Die Angst kann ich nehmen. Die Sonntagsmessen wird es auf jeden Fall weiterhin geben. Wir haben das große Glück, dass die Stelle des scheidenden Pfarrers Christoph Hittmeyer durch einen Pfarrvikar, Bonifatius Müller, besetzt wird. Das ist in diesen Zeiten nicht selbstverständlich.

Müller wird in Stommeln einziehen, Andreas Luckey wohnt in Sinnersdorf. Werden die beiden in der neuen Struktur so etwas wie die neuen Ortspfarrer? 

Das ist so nicht vorgesehen. Aber es wird vor Ort Ansprechpartner geben, und die Tätigkeitsfelder werden wir untereinander aufteilen. Wir Seelsorger wollen auf jeden Fall in dem Sendungsraum rotieren. Das kann in unserem Bereich sogar mit dem Fahrrad funktionieren. Ich bin Abwechslung ohnehin gewohnt. Früher bei meiner Stelle in Gummersbach bin ich manchmal 25 Kilometer gefahren, um eine Messe zu feiern. Mal ein anderes Gesicht zu sehen und eine andere Predigt zu hören, kann auch guttun. 

Wer organisiert künftig die Erstkommunion oder die Firmung vor Ort? Sind Sie dann der oberste Steuerer?

Nein. Das alles sollte vor Ort geschehen. Da sind gute Strukturen gewachsen, die funktionieren. Wir müssen erst einmal alles am Laufen halten, ich bin froh über jede und jeden, die sich einbringen. In den kommenden Monaten werde ich mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern besprechen, wer mittelfristig welche Schwerpunkte besetzt.

Welche Rolle sollen Ihrer Ansicht nach Laien übernehmen?

Bei uns in Pulheim haben Laien schon Andachten oder Segnungsgottesdienste übernommen, die leider nicht immer angenommen wurden. Das funktioniert offenbar im Pfarrverband Am Stommelerbusch schon besser, wie ich gehört habe. 

Es gibt hier auch „Glaubenszeugnisse“, die Laien statt der Predigt ablegen. Werden die weiterhin stattfinden?

Ich habe diesen Gedanken erst selbst neu kennengelernt. Ich hoffe, dass mir die Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte in den Orten genau vermitteln, was den Menschen wichtig ist, was man pflegen muss.

Sollen die vier Orte am Ende zu einer Großgemeinde zusammenwachsen? Wäre das realistisch?

Das ist eine Utopie, der Tod jeder Gemeinde. Auch hier habe ich Erfahrung in Gummersbach gemacht. Da wollte man ein geistiges Zentrum einrichten und alles zentrieren. Das funktionierte nicht. Hinter jedem Hügel fängt nun mal eine andere Welt an. Die Leute verlassen ihren Kirchturm nicht. Trotzdem ist Austausch wichtig. Beispiel: Wer möchte, sollte die Erstkommunion oder Firmung auch im Nachbarort empfangen können, wie es jetzt schon teilweise praktiziert wird.

In der Pfarreiengemeinschaft Am Stommelerbusch wird es personell eng. Vieles läuft nur noch durch den vermehrten Einsatz von Laien. Es gibt nicht mal mehr eine Gemeindereferentin. Wird die Stelle wieder besetzt?

Ich habe bereits versucht, mit Köln zu verhandeln, wie es weitergehen kann. Noch weiß ich nichts Genaues.

Durch die Pandemie und den Missbrauchsskandal wird es immer schwieriger, Laien für den Einsatz in der Kirche zu begeistern. Haben Sie eine Idee, wie es gelingen kann?

Wir müssen vor allem Menschen, die heute noch begeistert mitmachen, wie die hauptamtliche Engagementförderin Janine Schiller, halten. Es wäre sehr gut, wenn wir diese Stelle irgendwie retten können.

In der Corona-Zeit sind viele Gläubige gar nicht mehr zu den Gottesdiensten gekommen. Befürchten Sie, dass sie nach der Krise gar nicht mehr zurückkehren?

Tja, ich habe da auch kein Rezept. Mich hat gewundert: Die besonders gefährdeten Alten kommen in die Messe, die jungen Familien bleiben fern. Auch viele Messdiener trauen sich nicht zu dienen. Begegnungen schaffen geht in diesen Tagen nicht. Viele Jüngere mögen nun denken: Es läuft ja auch so, ohne Kirche. Das wäre bitter. Immerhin haben wir die Erstkommunionen durchführen können. Das Erlebnis im kleinen Kreis war für viele Familien sogar intensiver als in normalen Zeiten.

Der Missbrauchsskandal macht es nicht leichter, die Gläubigen zurückzugewinnen.

Ja. Seit zehn Jahren gibt es intensive Prävention, die solches verhindern und aufdecken soll. Alle, die Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben, Katecheten, Jugendleiter, werden geschult. Und wir bitten Eltern darauf zu achten, wie sich ihre Kinder verhalten, damit nichts mehr passiert. Wir quälen uns – und an höchster Stelle wird so verschleiert! Das ist traurig. Ein Vertrauensmissbrauch ohnegleichen!

Wie sprechen Sie mit den Gläubigen darüber?

Das ist schwierig. Ich weiß ja auch nicht genau, was vorgefallen ist. Ich kann natürlich immer sagen: Mea culpa, wir haben Schlimmes angestellt und all das jetzt verdient. Aber das nutzt am Ende auch niemandem.
Das Thema geht Ihnen sehr nahe?

Ja, sehr. Es ist auch für mich eine Lebensenttäuschung. Wir wissen doch alle, dass man sich nicht an Kindern vergeht, dass es strafbar ist und dass Täter aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Da wurde auch vor 40 Jahren nicht anders drüber gedacht.

Und nun treten selbst treueste Katholiken enttäuscht aus der Kirche aus.

Ein junger Pastor sagte kürzlich: Früher kannte man die Leute nicht, die eine Austrittserklärung unterschrieben hatten. Heute kennt man sie. Das ist besonders hart. Ein engagierter Vater sagte mir vor einiger Zeit beim Kerzenbasteln, wegen des Skandals seine Kinder nicht zur Erstkommunion anmelden zu wollen. Da musste ich schlucken! 

Wie gewinnt man Vertrauen zurück?

Gute Frage. Wenn die Leute uns nicht vertrauen, können wir überhaupt nichts mehr tun. Wir müssen auf jeden Fall die Prävention sehr ernst nehmen. Wir waren lange so naiv zu glauben, dass es solche Menschen nicht geben kann. Die kann es immer wieder geben. Ich habe selbst einige kennengelernt, die als Täter entlarvt wurden. Das ist schockierend.

Aber wie erweckt man wieder Begeisterung für die Frohe Botschaft?

Es gab in der Geschichte immer Phasen schwächeren Glaubens. Wir müssen darauf setzen, dass die Frohe Botschaft, dass der Heilige Geist noch immer wirkt. Wir müssen den Menschen zeigen: Du hast ein ganz anderes Standing, wenn du auf Gott vertraust. 

Weltweit wächst die Mitgliederzahl in christlichen Gemeinden – aber durch Evangelikale. Warum schaffen die, was der Katholischen Kirche so schwerfällt - zu begeistern?

Ich habe einmal eine junge Frau kennengelernt, die in eine Freikirche gewechselt war. Sie sagte mir, dass ihr bei den Katholiken jemand gefehlt habe, mit dem sie sich tiefgründig über ihren Glauben unterhalten konnte. Wenn sie darum bat, hätten sich die anderen von ihr abgewendet. Aber solche Gesprächsmöglichkeiten gibt es bei uns auch, etwa Taizékreise, Familienkreise, Glaubensgesprächskreise, Exerzitien im Alltag - man muss sie allerdings suchen. Das ist vielleicht das Problem.

Wie geht es weiter? Wann folgt die nächste Fusion, die ja absehbar ist?

Tja, können wir nun fünf bis zehn Jahre so weitermachen? Immer mehr Sendungsräume werden gebildet, somit ist es eine Frage der Zeit, wann wir uns Richtung Frechen oder Bergheim ausstrecken. Alles steht in den Sternen. Ich kann im Moment keine Prognose abgeben.

Interview: Rolf-Herbert Peters